AKC Winterschwimmen am Eiskanal
18. Nov. 2007

 

Ausgangssituation
Die Kleiderordnung der Wildwasserfahrer hat sich in den letzten Jahren völlig verändert. Die Meinungsbildner zeigen sich auf Bildern und in Videos mit Textilhosen („Trockenhosen“) oder mit Surfershorts. Cagdecks, bekannt aus Slalom, Rennsport und Freestyle, werden jetzt auch bei eiskaltem Schmelzwasser benutzt.
Die neuen Klamotten sind herkömmlicher Bekleidung in vieler Hinsicht überlegen. Der Tragekomfort und die Bewegungsfreiheit eines Cagdecks wird mit traditioneller Ausrüstung nicht erreicht, Textilhosen mit Latex-Knöchelabschluss sind leichter, beweglicher und überzeugen am Ufer durch Atmungsaktivität und Windschutz.
Tatsache ist auch, dass Leute sich seit Jahrtausenden über ihr Outfit definieren (Mode). Das Image des klassischen Long-Johns entspricht nicht den Erwartungen der jungen Kayaker-Generation mit ihrem lässig-legeren Lifestyle, auch deshalb wird er von den Jungen weniger benutzt.
 
Die Fragen
Aufgerüttelt durch einen aktuellen Unfall wird die Frage diskutiert, ob die neue Kleidung eventuell auch Nachteile hat, die bisher zu wenig beachtet wurden:
- Wie sieht es wirklich aus, wenn man damit im eiskalten Wasser Hilfe leisten oder länger schwimmen muss?
- Wie lange dauert es bis eine „Trockenhose“ beim Schwimmen vom Bund her voll Wasser läuft?
- Füllt sich ein Cagdeck beim Schwimmen von unten her mit Wasser, und wie lange dauert es in der Praxis?
Diese und weitere Fragen wurden aufgeworfen und konnten an Stammtisch oder Lagerfeuer nicht beantwortet werden. Auch die umfassende Literatur zum Thema konnte uns in diesem Spezialfall letztendlich nicht zufrieden stellen. Deshalb verabredeten wir uns im Winter am eiskalten Eiskanal um dort mit geringem Risiko und so praxisnah wie möglich praktische Erfahrungen zu sammeln.
 
Der Feldversuch
Am 18. November 2007 trafen wir uns in Augsburg, die Außentemperatur war anfangs bei -1° und stieg später auf +3°C. Die Wassertemperatur war 3,6°. Die Schwimmstrecke war von Waschmaschine bis Zielsteg, vor dem Schwimmen war ein Spurt angesagt um den Puls hochzufahren und etwas außer Atem zu kommen. Wir beschränkten uns auf die gängigsten Ausrüstungsvarianten, mit Ausnahme von Neoshorts (wollte keiner ausprobieren). Um die subjektiven Eindrücke zu überprüfen wurden Thermometer an der Haut angebracht und die Temperaturen sofort nach dem Test abgelesen.
 

Alle Probanden begannen an der Waschmaschine und schwammen bis zum Rechen am Ziel. Allerdings mit unterschiedlicher Kleidung - hier im Trockenanzug.
 

Ende der Teststrecke am Rechen
 

Messung der Haut-Temperatur sofort nach dem Ausstieg am Rumpf
 

Messung der Haut-Temperatur sofort nach dem Ausstieg am Arm
 

Die Versuche wurden von mehreren Probanten mit jeweils unterschiedlicher Paddelkleidung absolviert.
 
„Trockenanzug“
Wie erwartet gab es mit den Trockenanzügen die besten Ergebnisse. Den Temperaturschock am Kopf beim Durchtauchen der Waschmaschine hat alle Schwimmer überrascht. Alle Anzüge hatten angenähte Socken, als einmal die Fleece-Socken vergessen wurden gab es sofort eiskalte Füße.
 
Long-John
Für die klassische Kombination (Long-John, Doppelkamin-Trockenjacke, Einfachkamin-Spritzdecke) war nach 2 Minuten Schwimmzeit die Spaßgrenze erreicht. Dieser Teil des Tests brachte keine großen Überraschungen, weil jeder der Teilnehmer diese Situation aus jahrelanger Erfahrung schon irgendwie kannte.
 
Cagdeck
Das Schwimmen im Cagdeck „war die Hölle“ (Original Zitat). Sofort nach dem Eintauchen ist der ganze Oberkörper sofort vom eiskalten Wasser umspült. Auch die Hose läuft sehr schnell voll (vermutlich deshalb so schnell, weil Anpressdruck und Überlappung von der Paddeljacke auf den Hosenbund fehlen)
Nach halber Schwimmstrecke beginnt die Überlegung, den Versuch wegen Kälte abzubrechen (Das war bei keinem anderen Versuch der Fall) Am Ende angekommen ist der Schwimmer völlig ausgekühlt und kann offensichtlich nur mit letzter Kraft und Willensanstrengung auf den Steg klettern.
 
„Trockenhose“
Die Kombination Doppelkamin-Jacke und Textil-Latzhose kommt nicht an den Trockenanzug heran. Nach der Schwimmstrecke war der vorher trockene Fleece-Pully des Schwimmers nass bis zum Nabel. Vermutlich durch die mehrfachen Überlappungen und den Anpressdruck der Spritzdecke blieb die innere Fleecehose trocken (wäre aber beim Weiterschwimmen voraussichtlich auch bald nass geworden)
Ob diese Kombination im Wildwasser also wirklich bedenkenlos zu empfehlen ist, das sollte noch genauer untersucht werden. Die Dichtigkeit gegen Wassereinbruch beim Schwimmen und Retten kann man ja auch einmal bei wärmeren Wasser ausprobieren.
 
Einschränkungen
Das Wasser am Eiskanal hatte bei unserem Test die Temperatur eines Gletscherflusses, die Außentemperatur ist in einer Hochgebirgsschlucht ebenfalls realistisch. Trotzdem sind die Anforderungen in der Praxis um ein Vielfaches härter als bei unserem Versuch. Beispiele:
 
Erschöpfung:
In der Praxis kämpft der Paddler bis zuletzt gegen Aussteigen und Schwimmen. Das Schwimmen beginnt also in der Praxis bereits in erschöpfter Verfassung. Unser kurzer Sprint vor dem Test verursachte nicht dieses Maß an Erschöpfung.
 
Vacuum-Pack
Das Durchtauchen der Waschmaschine war nicht ausreichend um alle Luft aus Jacke oder Anzug zu drücken. Wir wissen aber aus der Erfahrung, dass beim Schwimmen im extremen Wildwasser so großer Druck auf die Kleidung entstehen kann dass praktisch alle Luft heraus gepresst wird (Der Schwimmer sieht danach in seiner Jacke aus wie ein Päckchen vakuum-verschweißter Erdnüsse) Im Ernstfall ist also mit weniger Isolation und mit weniger Auftrieb als in unserem Versuchen zu rechnen.
 
Wohlfühl-Wildwasser
Der Eiskanal ist eine bekannte Strecke, jeder ist ihn schon oft geschwommen. Im Gegensatz zur Praxis ist dort kein aktives Schwimmen erforderlich, sondern kraftsparendes Herunterdümpeln möglich. Es gibt dort keine Syphone, Stufen, scharfe Steine oder schmerzhafte Grundberührungen die den Schwimmer zusätzlichen Stress verursachen. Der Eiskanal hat auch keine beklemmenden Schluchtwände, das Ufer ist jederzeit zu erreichen und der Kanal kann überall verlassen werden. In der Praxis ist dies nicht immer der Fall, dort ist Hilfe meist schwierig und die Gefahr von Panik oder gefühlter Hilflosigkeit ist dort viel größer.
 
Oberlehrer
Um jedes Missverständnis zu vermeiden: Keiner von uns bezweifelt die Vorteile der neuen Kleiderordnung, keiner will das Rad der Zeit zurückdrehen und niemand von uns beabsichtigt irgendjemanden Vorschriften hinsichtlich Klamottenwahl machen.
Wir haben bestätigt gefunden, dass die Kombination aus trägerloser Textilhose und Cagdeck heutiger Bauweise bei Fahrten auf Gletscherbächen, bei Frühjahrsfahrten im Schmelzwasser und ähnlichen Situationen tatsächlich sehr gefährlich sein kann. Als Schwimmer ist man damit nach wenigen Minuten handlungsunfähig, auch beim Retten anderer sind Möglichkeiten und Reserven beschränkt. Das wissen wir jetzt allerdings sicher. Wer außer uns noch Interesse an dieser Erkenntnis hat, der kann sie gerne für sich übernehmen und seine Klamottenwahl entsprechend treffen. Entscheiden muss das jeder für sich selber.
 
Claus Brummer: Organisator der Aktion, Schwimmer
Wolfram Bock: Ärztliche Aufsicht
Christian Minkus: Schwimmer
Flo Fischer: Schwimmer
Richard Müller: Protokoll
Thomas Fink: Schwimmer vorab
Peter Lintner: Fotos
Horst Fürsattel: Streckensicherung und Bericht
 

Erschienen im Kanumagazin 1/2008 (nach professioneller Überarbeitung dieses Textes)
 

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